Diskussionspapier: Stabilisierung eines souveränen Afghanistan

Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2010 von Elke Hoff

Diskussionspapier: Stabilisierung eines souveränen Afghanistan

Nach neun Jahren Präsenz von NATO und Vereinten Nationen (UNAMA) in Afghanistan ist es bisher nicht gelungen, eine landesweite Aussöhnung zwischen den unterschiedlichen Volks- und Interessengruppen herbeizuführen, die Sicherheitslage für die Bevölkerung spürbar zu verbessern, den Drogenhandel nachhaltig einzudämmen und einen einigermaßen funktionsfähigen Regierungsapparat aufzubauen. Es mangelt nach wie vor an zuverlässigen nationalen Sicherheitskräften, an regelmäßigen Einkünften des Staates durch Steuern und Zölle, an einem flächendeckenden Bildungs- und Gesundheitssystem sowie an einem Angebot von Arbeitsplätzen, insbesondere in den ländlichen Gebieten Afghanistans.

Die Bundesregierung hat mit dem Konzept zur „Übergabe in Verantwortung“ und der Verlängerung des ISAF-Mandates ein ambitioniertes Arbeitsprogramm verabschiedet, das zügig und mit allem Nachdruck umgesetzt werden muss, insbesondere hinsichtlich der Ausbildung von afghanischer Polizei und Streitkräften (ANP und ANA). Je eher die afghanischen Sicherheitskräfte selbständig in der Lage sind, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen, umso zügiger kann auch eine Übergabe in eigene Verantwortung stattfinden. Hierfür ist das sogenannte „partnering“ eine überzeugende Methode, die afghanischen Sicherheitskräfte in der Kürze der hierfür vorgesehenen Zeit mit den erforderlichen Basisfähigkeiten für eine zeitnahe Übergabe in Verantwortung auszubilden. Allerdings ist eine weitere, wichtige Voraussetzung hierfür, die grassierende Korruption in den für die Sicherheit zuständigen afghanischen Ministerien nachhaltig einzudämmen. Aufgrund der vorhandenen Korruption erhalten die afghanischen Sicherheitskräfte weder ausreichenden Treibstoff, Munition, Ausstattung und Logistik, noch für sie notwendige Ausrüstung. Es ist nach wie vor ein Skandal, dass im ersten Jahr nach der Ausbildung beispielsweise etwa ein Drittel der afghanischen Polizisten ums Leben kommt.

Der Aufbau von Sicherheitskräften ist auch nur dann von Wert, wenn diese in Zukunft durch die Regierung angemessen bezahlt und auf Dauer mit einer adäquaten Ausrüstung handlungsfähig ausgestattet werden. Hierbei sind insbesondere Fähigkeiten zur Schaffung von Sicherheit und Schutz der Bevölkerung bei Nacht erforderlich. Ansonsten gelingt es den Aufständischen immer wieder, Anschläge, Hinterhalte und Terrorisierung der Bevölkerung während der Nachtstunden wirkungsvoll vorzubereiten und umzusetzen.

Für die Schaffung eines sicheren Umfeldes sind neben militärischen vor allem politische und diplomatische Strategien notwendig, damit eine dauerhafte und nachhaltige nationale Versöhnung auf den Weg gebracht werden kann und vor allem dem Eindruck in der gesamten Region entgegen gewirkt wird, dass die Präsenz der NATO in Afghanistan den Charakter einer militärischen Besatzung hat. Dies ist einer der Hauptgründe für die Ausweitung und Verschärfung von grenzüberschreitenden Aufstandsbewegungen. Für eine solche politische Strategie ist nicht nur eine enge Kooperation mit den benachbarten Staaten wie Pakistan, Iran, den zentralasiatischen Staaten, Russland, China und Indien vonnöten, sondern auch eine schrittweise und verlässliche Abzugsstrategie der NATO-Streitkräfte. Dies kann und darf jedoch nicht überstürzt und planlos geschehen, da ansonsten der Ausbruch eines Bürgerkrieges in Afghanistan zu befürchten ist.

Deshalb ist es parallel zu einer koordinierten, schrittweisen Abzugsstrategie notwendig, mittel- und langfristige Stabilisierungsmaßnahmen vorzusehen, die auch den Einsatz von Waffengewalt im äußersten Falle weiterhin ermöglichen. Dazu bedarf es in den zu übergebenden Regionen mit relativer Sicherheit aber keiner weiteren Präsenz von NATOKampftruppen, sondern der Präsenz beispielsweise von UN-Peacekeeping-Kräften mit einem Mandat nach Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen, die einerseits bei der Bevölkerung der Wahrnehmung einer Besatzungsarmee entgegenwirken, andererseits aber eine Sicherheitsgarantie für die Bevölkerung solange gewährleisten können, bis ANA und ANP stabil und dauerhaft handlungsfähig sind.

Deshalb sollten Deutschland bzw. die EU innerhalb der NATO und bei den Vereinten Nationen für den Einsatz von überwiegend muslimisch geprägten UN-Peacekeeping-Kräften für solche Regionen werben. Unter der Federführung der afghanischen Regierung sollten mit den Vereinten Nationen diesbezügliche Verhandlungen zur Finanzierung, Generierung und Stationierung von UN-Friedenstruppen unter Beteiligung aller am Konflikt beteiligten Kräften aufgenommen werden, um auf dieser Basis Afghanistan mittelfristig zu mehr Souveränität, Selbstbestimmung und Stabilität zu verhelfen.

Es ist auch im Interesse der NATO, mit neuen, in der öffentlichen Wahrnehmung positiv besetzten Sicherheitsparametern und –begriffen, wie bspw. dem Einsatz von Peacekeeping- Truppen, eine neue Gesprächsebene zu eröffnen und ernsthafte Verhandlungen über einen Strategiewechsel für die langfristige Stabilisierung Afghanistans zu ermöglichen.

Die zeitnah unter Vermittlung von lokalen Kennern der Region initiierten politischen Gespräche und Verhandlungen zur Aussöhnung sollten in eine ständige, institutionalisierte „Konferenz zur Sicherheit und Zusammenarbeit in der Region“ unter Beteiligung aller benachbarten Staaten, Europas sowie der Vereinigten Staaten münden, analog beispielsweise zum KSZE/OSZE-Prozess in Europa. Es erscheint sinnvoller, die Beteiligten am Verhandlungstisch zur allmählichen Offenlegung ihrer jeweiligen politischen Agenda schrittweise zu „nötigen“ und einen auf einen politischen Kompromiss hin zu verhandeln, anstatt ihnen weiterhin eine Vielzahl von Möglichkeiten zur verdeckten Durchsetzung ihrer politischen Absichten in der Region durch die Anwendung von Gewalt und islamistischer Ideologisierung zu ermöglichen. Den Preis für mangelnde diplomatische Bemühungen außerhalb des Einsatzes militärischer Mittel zahlt vor allem die afghanische und die pakistanische Zivilbevölkerung.

Die enormen Schwierigkeiten bei der Umsetzung eines politischen Versöhnungs-, Stabilisierungs- und Wiederaufbauprozesses könnten deshalb durch eine ständige, institutionalisierte Sicherheitskonferenz kanalisiert werden und die Bildung gegenseitigen Vertrauens, das eine unabdingbare Voraussetzung für eine Befriedung der gesamten Region ist, fördern.

Jeder Einsatz zusätzlicher militärischer Mittel wird diesen Prozess erschweren und die unterschiedlich motivierten Aufstandsbewegungen stärken und weiter ideologisieren. Es ist auch der Weltöffentlichkeit leichter zu vermitteln, Soldaten und Ressourcen beispielsweise für Peacekeeping-Kräfte statt für Kampftruppen aufzuwenden. Es ist ebenfalls ratsam, den Begriff der „Exit-Strategie“ zu vermeiden und stattdessen den Begriff einer „Stabilisierungs- Strategie“ zu verwenden.

Folgende Ziele sind deshalb vordringlich anzustreben:

  1. Afghanistan muss in einem sicherheitspolitisch besseren Zustand an die afghanische Gesellschaft übergeben werden, als es zu Beginn der internationalen Mission der Fall war.
  2. Die Initiierung und Durchführung eines nationalen Aussöhnungsprozesses unter Beteiligung aller Konfliktparteien, die außerhalb und innerhalb Afghanistans Einfluss auf die Destabilisierung des Landes ausüben. Wie die bereits im Frühjahr 2009 aufgenommenen Gespräche gezeigt haben, könnte die Vermittlung eines islamisch geprägten Staates (Saudi-Arabien, Türkei) oder neutraler Kenner der Region (EU, China, Deutschland) hilfreich sein.
  3. Die Initiierung einer ständigen, institutionalisierten Sicherheitskonferenz in der Region analog zum KSZE/OSZE-Prozess in Europa unter Beteiligung aller Nachbarn sowie der EU und der USA. Diese Konferenz sollte zu Beginn die Schwerpunkte Aussöhnung, Umsetzung der Menschenrechte, Stabilisierung/Sicherheit des Landes, Stärkung eines dezentralen Staatsaufbaus, Aufbau eines Steuer- und Zollsystems, eines Bildungs- und Gesundheitswesens, lokaler Arbeitsmärkte sowie die Bekämpfung des Drogenanbaus und Drogenhandels beinhalten.
  4. Die Stabilisierung der Sicherheitslage ist konsequent voranzutreiben. Regionen, die ein befriedigendes Sicherheitsniveau erreicht haben, sind sukzessive an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben. Diese sollten jedoch in besonders kritischen Bereichen so lange wie nötig beispielsweise durch UN-Peacekeeping- Kräfte unterstützt werden. Diese Peacekeeping-Truppen müssen sukzessive die NATO-Kräfte ersetzen. Zur Erhöhung der Akzeptanz in der Bevölkerung sollten diese Peacekeeping-Truppen überwiegend aus muslimischen Staaten stammen. Diese Truppen benötigen ein robustes Mandat nach Kapitel 7 der UN-Charta.
  5. Die Ausbildung der afghanischen Polizei und der Streitkräfte muss personell und finanziell intensiviert werden. Hierbei ist das sogenannte „partnering“ eine sinnvolle Methode des Aufbaus von ANSF. Insbesondere die Polizeiausbildung und – besoldung bleibt bisher weit hinter den Erfordernissen zurück. Die Internationale Gemeinschaft hat darauf zu achten, dass die Polizei nicht in militärischen Einsätzen mangels ausreichender Streitkräfte eingesetzt und dabei aufgerieben wird. Ein belastbares Auszahlungssystem für die Polizeibesoldung ist aufzubauen.
  6. Die unterschiedlich ausgerichteten und sich teilweise widersprechenden militärischen Strategien in Afghanistan und den Stammesgebieten Pakistans sind zu überprüfen mit dem Ziel, sie strategisch neu zu überdenken, da sie zu nichts mehr als zu einer Ausweitung und weiteren ideologisierten Unterfütterung des Aufstands führen. Sie sind konsequent in eine einzige militärische Mission mit dem Ziel der Erreichung eines Waffenstillstands als Grundlage weiterer Verhandlungen zu überführen. Die politischen Forderungen des Aufstandes sind zu überprüfen und durch eine eigene, gemeinsam abgestimmte politische Strategie der internationalen Gemeinschaft aufzunehmen, zu bedenken oder in einzelnen Punkten zu verwerfen. Kompromisse unter Beachtung kulturell geprägter Gegensätze sind dabei notwendige Voraussetzung für einen politischen Fortschritt in der Region.
  7. Alle Projekte der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan müssen national und international besser koordiniert werden und möglichst in eine zentrale Verantwortung (Vereinte Nationen oder ISAF) übergeben werden. Es ist ein gemeinsames Verständnis zwischen der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung darüber zu erzielen, was in Afghanistan mit welchen Mitteln erreicht werden soll, unter weitestgehender Beachtung der nationalen Souveränität des Landes. Der Ansatz zum Aufbau einer Zentralregierung und weitgehenden Ausrichtung auf einen Präsidenten ist zu überprüfen und durch den schrittweisen Aufbau eines mehr dezentralen Systems mit finanzieller Stärkung und mehr politischer Eigenverantwortung der Gouvernements, Distrikte und Kommunen zu ersetzen. Ein notwendiger Schritt ist der Aufbau einer funktionierenden kommunalen Selbstverwaltung und dezentraler Rechtsprechungsmechanismen. Es ist vor allem auch geboten, die Verteilung von internationalen Finanzmitteln und das damit verbundene Ausgabeverhalten strenger als bisher zentral zu überwachen und einer zentralen Erfolgskontrolle zu unterziehen (ggf. UN oder unabhängige international zu gründende Institution).
  8. Wiederaufbauprojekte müssen mehr Menschen als bisher unmittelbar erreichen und in die Fläche gehen. Die mit dem Wiederaufbau einhergehenden Baumaßnahmen müssen überwiegend von afghanischen Arbeitskräften geleistet werden, damit endlich ein Angebot von Arbeitsplätzen für die Bevölkerung in der Fläche entsteht. Entwicklungsbemühungen müssen mehr als bisher der Befriedigung von Grundbedürfnissen der afghanischen Bevölkerung wie Sicherheit, Rechtsprechung, Nahrung, Kleidung, Energie, medizinische Versorgung und Wohnen dienen.
  9. Die Erarbeitung eines gemeinsamen Aktionsplanes unter Federführung der Vereinten Nationen gemeinsam mit der afghanischen Regierung sowie der Nachbarstaaten zur Bekämpfung von Korruption und Drogenwirtschaft ist dringend notwendig. Die Drogenproblematik muss mit repressiven ebenso wie mit wirtschaftlichen Anreizen angegangen werden. Die Drogenlabors müssen aufgespürt, zerstört und ihre Betreiber sowie deren Hintermänner von der Justiz verfolgt und dingfest gemacht werden. Den Bauern, die mit dem Mohnanbau das Überleben ihrer Familien sichern, müssen alternative Anbaumöglichkeiten aufgezeigt und lokale sowie regionale Arbeits- und Absatzmärkte gefördert werden.
  10. Es muss allen an diesem politischen Prozess Beteiligten klar sein, dass ein politischer Fortschritt in der Region nur schrittweise zu erzielen ist, Ungeduld, fehlendes Verständnis für die kulturellen Eigenarten der Region sowie weiterhin unkoordinierte und unkontrollierte Verteilung von finanziellen Mitteln nach dem Motto „If you can`t beat them, buy them“, wird die Lage mittelfristig verschlimmern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Region auf Dauer zerstören. Eine Stabilisierung kann nur in einem langfristigen und geduldigen politischen Prozess erfolgen. Ein kurzfristiger, unkontrollierter Abzug der internationalen Gemeinschaft würde nur die Türen für eine weitere radikale Islamisierung öffnen und die Glaubwürdigkeit des Westens auf lange Zeit beschädigen bzw. zerstören. Leidtragende wäre erneut die Bevölkerung in der gesamten Region.

Zum Download: Diskussionspapier: Stabilisierung eines souveränen Afghanistan

Ähnliche Artikel

  • 9. Dezember 2009 -- Der Stiefel am Boden ist durch nichts zu ersetzen
    Diese einfache Regel gilt auch in Afghanistan. Da es an Kampftruppen mangelt und konsequent strategische Fehler gemacht wurden und werden gilt: wir beherrschen zwar den Himmel über Afghanistan, doch die Straßen sind genauso wenig in der Hand des Westens oder der afghanischen Regierung wie es die Her...
  • 26. Februar 2010 -- Stinner: Es gibt erstmals ein konkretes Abzugsszenario
    Der Bundestag stimmt am Freitag in namentlicher Abstimmung über das Afghanistan-Mandat der christlich-liberalen Koalition ab. Damit einher geht die Aufstockung der Zahl der Bundeswehrangehörigen, die im Bereich der Ausbildung und des Schutzes eingesetzt werden. FDP-Verteidigungsexperte Rainer Sti...
  • 15. Februar 2010 -- Der Afghanistan-Einsatz – oder: wie man einen Karren an die Wand fährt
    Dem Engagement in Afghanistan – ich rede nicht nur vom Einsatz der Bundeswehr – mangelt es auch nach der Londoner Afghanistan-Konferenz in der vergangenen Woche an einem nachvollziehbaren strategischen Konzept. Nicht einmal ansatzweise wurde untersucht, wie das Ziel eines stabiles Afghan...
Autor: Elke Hoff Dieser Artikel wurde am 20.Juli 2010 von Elke Hoff veröffentlicht. Elke Hoff (FDP) ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Sie ist Mitglied des Verteidigungsausschusses. Darüber hinaus ist sie stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz.




2 Kommentare dieses Beitrags

  1. Volker Weyer schreibt:

    Im Osten nichts Neues

    Bemerkenswert an den Ansätzen, aus Afghanistan ein Musterländle, später eingeschränkt: ein halbwegs stabiles, nicht sogleich wieder implodierendes Gebilde zu formen, ist der ideologische Glaube, Lösungen für Probleme zu haben, indem man die Welt verbessert, ist das unglaublich Blauäugige und Theoretische am Vorgehen der westlichen Politik.
    Erinnern wir uns, daß vor wenigen Monaten in London eine Afghanistan – Konferenz stattfand, anläßlich welcher Herr Westerwelle mit stolzgeschwellter Brust (in seiner Funktion als Darsteller des Außenamtes, nicht als “Hans – Dampf – in – allen – Gassen”) eine neue Strategie verkündete – “Partnering” – und gleichzeitig ebenso verkündet wurde, daß man dann und dann beabsichtigt, das Land den Musterschülern um Herrn Karsai zu übergeben, dessen Kopfbedeckung nicht von ungefähr gewisse Assoziationen zu Mobutus Leopardenkäppchen hervorruft.
    Erinnern wir uns, daß diese neue “Strategie” schon Folge eines formidablen Zusammenstreichens dessen war, was man sich an hären Idealen alles so vorgenommen hatte -den Plan nämlich, sozusagen die Transformation des Wüstenplaneten Mars (was Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit anbelangt) in eine blühende Erde, wobei man in jeder Burka, die abgelegt wurde, bereits die Wasserquellen sehen wollte, welche blühende Felder hervorbringt, von dem nichts viel übrig geblieben ist: Die neue Strategie beschränkt sich darauf, ein paar Gärtner auszubilden, die zukünftig die Wüste alleine wässern sollen, wobei man hofft, daß das, was der Obergärtner an Feldern anlegt, nicht überwiegend in der roten Farbe des Mohns aufblüht.

    Das Grundproblem all dessen, was sich der Westen an Strategien ausdachte ist folgendes:
    1. Das westliche Denken ist dogmatisch und ideologisch, was die politische Seite anbelangt. Man stellt sich vor, einem Volk die Heilslehre von Demokratie und Marktwirtschaft zu bringen – und schon wird alles gut. Das westliche Vorgehen hat etwas rührend – naiv missionarisches, und glaubt feste daran, das ein Problem eine Lösung haben muß. Wenn dies aber nicht funktioniert, ist der Westen überfordert. Beste Erfahrungen machte man damit bereits in Somalia. Die richtigen Schlüsse wurden daraus nicht gezogen, sondern dasselbe Konzept in Afghanistan angewandt – Erfolg: derselbe.
    2. Setzt man militärische Mittel ein, muß man wissen, was man will. Das, was man will, muß aber realistisches Ziel sein. Das Primat der Politik muß dem Militär ein erreichbares Ziel vorgeben, das ist der Kern der Strategie. Nimmt man sich schier unerreichbare, da ideologische Ziele vor, begeht man denselben historischen Fehler wie die Kreuzfahrer bei der Eroberung Palästinas, die Deutschen bei der Eroberung von Lebensraum im Osten oder – einen Weltkrieg früher – bei der Ideologie des Siegfriedens zwecks Herstellung eines pangermanischen Reiches.
    3. Nur beschränkte, realistischerweise erreichbare politische Ziele, die einer Strategie zugrundegelegt werden, haben überhaupt eine Chance darauf, militärisch umgesetzt zu werden. Sind diese Ziele aber uferlos – Umerziehung eines ganzen Volkes, welches in unserem Selbstverständnis auf dem Stand es frühen Mittelalters lebt, in wenigen Jahren – so nimmt sowohl die politische wie militärische Operation etwas Uferloses an wie die unendliche Weite des russischen Raums.
    4. Wenn man denn eine realistische Vorstellung einer Strategie hat, so sollte man sich, soweit es geht, an diesen “Feldzugsplan” auch halten. Geht man in eine solche Operation hinein und verfolgt zwei verschiedene Ziele, die teils auch noch konträr auseinander liegen, begeht man einen Kardinalfehler, da man seine Kräfte nicht bündelt, sondern teilt. Wie macht man dem afghanischen Volk bspw. verständlich, daß zwei verschiedene Missionen zwei verschiedene Ziele mit zwei verschiedenen Methoden verfolgt haben: Uno – Mission mit Schwerpunkt Wiederaufbau, US-/Nato – Mission mit Schwerpunkt Talibanbekämpfung?
    5. Fehler, die bereits im Aufmarsch gemacht worden sind, lassen sich im weitern Verlauf des Feldzuges nicht wiedergutmachen (Clausewitz). So auch hier. Zunächst wurde ein gewaltiger militärischer Apparat gegen Terroristen in Marsch gesetzt, hieraus eine ideologische Heilsbringermission gestrickt, welche Mittel wie Zweck vollständig überforderte, worüber die Anfangserfolge zunächst hinwegtäuschten. Nun versucht man das ganze – “Partnering” – auf ein realistisches Maß zusammenzustutzen, für diese Kehrtwende ist es allerdings bereits zu spät (bitteschön, darf ernsthaft geglaubt werden, Karsai würde sich einen Tag länger im Amt halten als sein kommunistischer Vorgänger bei Abzug der Roten Armee, wenn die Natotruppen, wie ihre militärischen Vorgänger, die sicherheitspolitische Verantwortung in einheimische Hände legen?)
    6. Richtiggehend dumm ist es, dem Feind während der Schlacht anzukündigen, wann man gedenkt, das Schlachtfeld zu verlassen. Die Ankündigung des eigenen Rückzuges wäre ein ebensolcher Witz wie die Szene in “Asterix bei den Briten”, als die Briten regelmäßig den Kampf zum Fünf-Uhr-Tee unterbrechen und Cäsar diese Pause zum Angriff ausnutzt, wenn man damit nicht dem Gegner mit Voransage mitteilen würde, er müsse nur ein wenig Geduld haben, warten, dann werde man ohne sein Zutun auch so die Schlacht abbrechen. Wer aber zuletzt auf dem Schlachtfeld steht, ist regelmäßig der Sieger.

    Fazit:
    Die entscheidenden Fehler wurden bereits vor neun Jahren gemacht. Die Idee, Taliban mit Terroristen gleichzusetzen, aus dem Affekt heraus – 11.09. – dann einen Krieg zu führen, dessen politische Ziele zu diesem Zeitpunkt nicht durchdacht waren, ist eine Hypothek, ein “Fehler im Aufmarschplan”, der nicht wiedergutzumachen ist. Die der Afghanistan dann nachträglich aufgepfropfte Strategie – Herstellung stabiler staatlicher Verhältnisse im Sinne westlicher Vorbilder – war ein vorhersehbares ideologisch – dogmatisches Wolkenkuckucksheim, außerhalb jeglicher realistischer Erreichbarkeit in einem Land, dessen Bevölkerung, gerade in den “Eliten”, ein ganz anderes, historisch gewachsenes Selbstverständnis innewohnt. Eine Umerziehung zu “mündigen Bürgern” aus eine Clan- und Stammesstruktur heraus bedarf eines Zeitraumes von mehreren Hundert Jahren.
    Der in London herbeigeführte “Strategiewechsel” ist das Beschneiden des wildwuchernden Baumes der Illusionen bis auf den Stamm zurück und, verbunden mit der Ankündigung des Abzuges, das vorweggenommene Eingeständnis der eigenen Niederlage.
    Afghanistan ist wie Somalia ein unlösbares Problem, zumindest geworden, und zwar durch die Dummheit und Arroganz des Westens, der ausschließlich in der Lage ist, die Welt aus dem eigenen verzerrten Blickwinkel zu sehen, der Welt den eigenen Blickwinkel aufzwingen zu wollen, statt sich in historische und subjektive Perspektiven der betroffenen Gesellschaft ernsthaft hineinzuversetzen.

    Perspektive:
    Ist ein Krieg verloren, muß man sich die Niederlage frühstmöglich eingestehen, um Schlimmeres zu verhindern. Konsequent wäre es also, die Niederlage tatsächlich einzugestehen und sich zurückzuziehen. Die Konsequenz für das Land werden dieselben sein, auch wenn wir noch Jahre blieben. Die Konsequenzen werden allerdings für uns andere sein: Je länger wir bleiben, desto größer ist die Freude Dritter. Diejenigen, die sich heraushalten, sind die Gewinner, der Schwerpunkt der Geschichte wandert schon seit dem 11.09. unmerklich, aber stetig weiter nach Osten. Afghanistan ist das Grab westlich – atlantischer Hegemonie.
    Wir werden wider besseres realpolitisches Denken dort noch bleiben, weil es, lassen wir alle schönen Worte beiseite, darum geht, das Gesicht zu wahren.

  2. Politikverdruss schreibt:

    @Volker Weyer,
    habe Ihre Analyse mit Vergnügen gelesen und stimme weitgehend zu. Nur in der Ziffer 5. komme ich zu anderen Ergebnissen:
    Die Militärintervention der USA im Herbst 2001 war gar nicht so „gewaltig“. Beteiligt waren rund 100 CIA-Mitarbeiter, 350 Soldaten amerikanischer Spezialeinheiten, 15000 afghanische Kämpfer der Nordallianz und ca. 100 Lufteinsätze der US-Luftwaffe pro Tag. Fehler im realen Aufmarsch sind nicht erkennbar. Die Erkenntnis, dass Aufmarschfehler nur schwer zu korrigieren sind, stammt übrigens von Moltke d.Ä. Aus der Leichtigkeit dieser Operation sind dann von Politikern falsche Schlüsse gezogen worden. So hat man Afghanistan mit zu geringen Kräften „gehalten“. Ein Fehler, der im Irak gerade noch korrigiert werden konnte. Hier kommt nun Clausewitz ins Spiel, der uns mit der „Überlegenheit der Zahl“ (3.Buch, 8.Kapitel) den Weg weist.
    Vielleicht aber interpretiere ich Sie auch nur falsch. Wenn Sie den fehlerhaften „Aufmarsch“ politischer Zielsetzungen meinen, dann bin ich wieder auf Ihrer Seite. Das „Stricken“ einer „Heilsbringermission“ war erforderlich, damit die Gefolgschaft des Obergutmenschen Fischer auch folgen konnte. So ist das eben, wenn sich solche Leute in die Politik einmischen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deutsches_Interesse
quo_vadis_Bw






    quo_vadis_Bw


    Freiheit.orgtrennerFDP im BundestagFDP Bundespartei
     
    Startseite Allgemein Außen- & Sicherheitspolitik Regionen Veranstaltungen
    Über uns Buchtipps Deutsche Außen- & Sicherheitspolitik Afrika
    Autoren TV- und Hörfunktipps Europäische Außen- & Sicherheitspolitik Amerika Videos
    Kontakt Rüstung und Beschaffung Asien
    Impressum ehem. Sowjetunion LFA Aktuell
    Archiv Bundeswehr Europa LAK JuLis
    Naher Osten Parteinachrichten