Die Bundeswehr hat in Afghanistan zum ersten Mal die Panzerhaubitze 2000 im scharfen Schuss eingesetzt. Die Soldaten feuerten nach Bundeswehrangaben am Samstag fünf Schuss ab, um die Bergung eines bei einem Anschlag beschädigten Fahrzeugs zu ermöglichen. Vorausgegangen waren verstärkte Angriffe der Aufständischen in der ganzen Nordregion Afghanistans, bei denen mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben kamen.
Bisher ist unklar, wie genau die Bundeswehr die Panzerhaubitze eingesetzt hat. Diente sie nur zur Ablenkung, um die Bergung zu ermöglichen oder ging es um gezielte Bekämpfung der Angreifer. Ebenso ist offen, welche Munition verwendet wurde. Die Panzerhaubitze kann auch Nebelgranaten verschießen.
Die aktuelle Entwicklung der Angriffe durch die Aufständischen und dass sich nach dem Kunduz-Mediendesaster ein Kommandeur dazu entschied, die Panzerhaubitze (eine Flächenwaffe) tatsächlich einzusetzen, zeigt wie prekär die Lage in Afghanistan geworden ist. Grund dafür ist die über Jahre hinweg verfehlte Strategie der Aufstandsbekämpfung, über die auf dieser Seite bereits vielfach berichtet wurde.
Für den Norden heißt das im Speziellen, dass die Bundeswehr keine Räume sichert, sondern maßgeblich mit Eigenschutz beschäftigt ist. Sie weicht mit ihren Patrouillen dem Feind weitgehend aus und ist auf Grund der politischen Vorgaben nicht in der Fläche präsent. Die Folge ist fehlender Rückhalt in der afghanischen Bevölkerung, ein Ausbreiten der Aufständischen und eine wachsende Gefahr für die Soldaten selbst. Anstatt offensiv vorzugehen (was natürlich Verluste erzeugen kann) und den Feind da zu bekämpfen, wo es sinnvoll ist, geraten wir in die Defensive und lassen uns Ort, Zeit und Art des Kampfes diktieren. So scheint auch in diesem Fall die Panzerhaubitze lediglich zur Sicherung des Ausweichens eingesetzt worden zu sein. Dabei wäre sie ein probates Mittel zur massiven Bekämpfung des Gegners.
Der langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat den deutschen Afghanistan-Einsatz als “Lehrstück” dafür bezeichnet, wie eine solche Mission nicht angegangen werden sollte. Ich fürchte die aktuellen Ereignisse bestätigen ihn.
[Ein Kommentar von Michael Weis - Das Photo von Isaf Media zeigt den Einsatz einer niederländischen Panzerhaubitze 2000]











Dienstag, 13. Juli 2010 um 10:24
Und was ist mit denen geschehen, die den “Anschlag” verübt haben? Hat die Bundeswehr Gegenmaßnahmen ergriffen oder “erduldet” man die “Anschläge” inzwischen aus politischen Gründen auf dem ” Rücken der Soldaten”. Mit dieser Feuerkraft im Rücken müsste es doch möglich sein, Angreifer zu zerschlagen. Wenn das aber aus politischen Gründen gar nicht gewollt ist, stellt sich doch die Frage, weshalb die Deutschen überhaupt Patrouillen einsetzen. Ein wenig mehr kritische Tiefe wäre zu wünschen, Herr Weis.
Dienstag, 13. Juli 2010 um 21:23
Der Einsatz der PzH 2000 im scharfen Schuss ist nicht das eigentliche Thema. Das taktische, operative und letztlich politische Thema ist die aktive und offensive Bekämpfung der Taliban mit dem Ziel der effizienten Zerschlagung der Friedensgegner. Dafür ist es im Norden Afghanistan spät aber noch nicht zu spät. Wichtig ist politischer Wille und die Bereitschaft zur Ehrlichkeit, auch in der politischen Diskussion.
Herr Genscher war Außenminister in einer Zeit stark eingeschränkter deutscher Souveränität und hat deswegen Reisediplomatie aber keine eigenständige Außenpolitik betrieben. Er taugt meines Erachtens als Lehrmeister für deutsche Afghanistanpolitik nicht.
@Politikverdruss
Sie haben Recht. Feuerkraft im Rücken reicht nicht, man muss sie konsequent anwenden wollen und dürfen.
Lesen Sie auch: http://www.md-office-compact.de/DeutscheAfghanistanpolitikundihreFolgen.htm
Donnerstag, 15. Juli 2010 um 13:23
@Hans-Heinrich Dieter,
Ihre Kritik ist vollkommen berechtigt.Gerade bin ich im Internet-Auftritt des Heeres auf folgenden Artikel gestoßen: http://bit.ly/a9TGtV
In dem Artikel wird über eine Lehrübung der Artillerieschule berichtet, die unter dem Thema „Patrouille im Kampf“ steht. Die Gefechtslage der Lehrübung orientiert sich der Lageentwicklung in Afghanistan, sieht aber eine Ausstattung vor, von der man im Einsatzland vermutlich nur träumen kann. Alles was gut und teuer ist, kommt in dieser LEHRÜBUNG zum Einsatz. Ich kann diese Lehrübung nur als versteckte Kritik an der Politik der Bundesregierung sehen. Hier wird eine Lehrauffassung geradezu demonstriert, die im Einsatzland aus innenpolitischen Gründen nicht durchsetzbar ist. Was muss in den Köpfen der Soldaten vorgehen, die diese Lehrübung als Lehrauffassung des deutschen Heeres präsentiert bekommen, aber genau wissen, dass das in Afghanistan aufgrund fehlender Ausstattung und der politisch vorgegeben Defensivausrichtung nicht umsetzbar ist?
Donnerstag, 15. Juli 2010 um 21:38
@Politikverdruss
Man müsste wahrscheinlich noch genauer in die Lehrübung und die damit verbundenen Verlautbarungen hineinschauen. Wenn allerdings “versteckte Kritik” an der deutschen Politik geäußert werden sollte, dann müsste man das etwas weniger versteckt und mutiger tun. Meine langjährige Erfahrung sagt mir, dass Sarkasmus abgelehnt wird, dass Ironie nicht verstanden wird und dass man versteckte Kritik versteckt sein lässt.